★ Notgemeinschaft Peter Pan ★ zu Gast bei Zujezogen ★

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Kinderparty in der Datcha! Die Gruppe Zujezogen 03 bittet zum Tanz, um  ihr fünfjähriges Bestehen zu begießen. Glückwunsch von dieser Stelle! Ihrem stilvollen Ruf sind sie mit grandiosen DJ’s, freundlichster Tresenbedienung und einer sehr coolen Liveband vollauf gerecht geworden! Notgemeinschaft Peter Pan – die Combo mit dem schicken Bandnamen, die rotzfrech ihre Weigerung erwachsen zu werden als Notwehr verkaufen wollen, folgten der Einladung und spielten ’ne satte Stunde.

Die Stimmung war beim Gig der St. Paulianer ausgelassen und entspannt. Im sicheren Wissen darüber, dass man hier gut aufgehoben ist, wich die kämpferische Haltung der Band einer eher lustigen Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Verbundenheit wurde am Ende des einstündigen Sets nochmals verdeutlicht, als die Band eine vorbereitete (aber nicht ganz auswendig gelernte ;)) Version von „Genie und Wahnsinn“ in eine Pro Karli Version umdichtete. Das war schön und auch ein Bisschen rührend. Danke dafür! :-*

Schönes Konzert in nem schönen Rahmen wie ich finde. Wie habt ihr das Konzert erlebt?

Sibbe: Es gibt so Konzerte, die sind etwas persönlicher und familiärer als andere und dieses Konzert bei den Zujezogenen zählt wohl dazu. Der ganze Tag bei euch war toll! Nachmittags ankommen, Badehose an, ab in die Havel zum Plantschen und in der Sonne liegend Bier trinken, das schafft den Rahmen für ein entspanntes Konzert, bei dem man sich selbst nicht so ernst nimmt und bei dem der Spaß im Vordergrund steht. Wir wissen ja schließlich, dass wir bei euch niemanden politisch bekehren müssen.

Stemmen: Ganz genau! Und das ist ehrlich gesagt auch mal ganz schön so. Es war uns ein großes Vergnügen!

Ori: Ich kann mich da auch nur anschließen. Ein total schönes Haus, super nette Menschen und dann auch noch eine Bademöglichkeit direkt vor der Tür, top!

Mario: Das Konzert an sich ist ja oftmals nur ein kleiner Zeitabschnitt und natürlich ein wichtiger Bestandteil und ja auch der Antreiber einer solchen „Ausfahrt“. Mindestens genauso wichtig ist aber auch das Drumherum und das hat an dem Wochenende einfach von vorn bis hinten alles gepasst, so dass wir uns bei euch mehr als wohl gefühlt haben.

Seid ihr eigentliche Geborene, Gebürtige oder zugezogene Hamburger?

Sibbe: Also ich bin vor 13 Jahren nach Hamburg zujezogen. Ursprünglich komme ich aus dem Oberbergischem Land (zwischen Köln und Gummersbach), genau wie euer Zujezogener „B“, den ich nun schon seit ca. 20 Jahren zu meinem engsten und besten Freundeskreis zähle. Unser Motto damals waren die „3 Gs“ (Gewalt Gegen Gegenstände). Wir waren kleine Dorfpunker und haben alles kaputt gehauen was auf unseren nächtlichen Heimwegen lag: Baustellenbeleuchtungen, Straßenschilder und dergleichen, bis es nix mehr zum Kaputthauen gab und wir der dörflichen Tristesse entfliehen mussten. „B“ ging dann nach Berlin und ich bin halt in Hamburg gelandet.

Stemmen: Ich bin in einem knapp 1000-Seelen-Kaff im Hochsauerlandkreis aufgewachsen und Anfang 2005 nach Hamburg geflüchtet.

Ori: Ich bin ebenfalls ein „Quiddje“. Ich lebe zwar schon seit 25 Jahren in Hamburg, komme aber ursprünglich aus Hannover.

Mario: Auch ich bin 2002 aus dem Vorkaff Lauenburg nach Hamburg zujezogen.

IMG_3242Ihr macht ja aus eurer Verbundenheit zu den Braun-Weißen wahrlich keinen Hehl. Wie lange geht ihr schon zu St. Pauli? Habt ihr auch mal andere Vereine unterstützt?

Sibbe: Seit ich in Hamburg lebe gehe ich auch ans Millerntor. Also seit 2001. Durch meinen Onkel bin ich aber vorher sehr viel mit den Roten aus München unterwegs gewesen, auch international. Ich musste bei St. Pauli also erstmal lernen wie es ist regelmäßig Spiele zu verkacken. Dafür habe ich aber sehr viele andere Dinge dazu gewonnen und war nicht mehr der einzige Punker in der Fankurve. Bayern interessiert mich heute nur noch nebenbei und weil ich natürlich möchte, dass mein Onkel glücklich ist und einen Grund zum Feiern hat, sonst ist mir dass schrecklich egal geworden. Mein Herz schlägt einfach braun-weiß-rot und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Stemmen: Ich bin in einer Schalker Familie aufgewachsen, wo immer noch alle Verwandten regelmäßig zu den Spielen der Knappen gurken und war glühender S04-Fan. Im Juni 1989 hat mich ebenfalls mein Onkel erstmals mit hin genommen, danach bin ich jahrelang mit einem Fanclub zu fast allen Heimspielen gefahren. Aber nach ein paar negativen Erlebnissen im Europapokal hat mir dann der Abschied vom Parkstadion endgültig das Herz gebrochen. Nach 2001 stand ich nur noch zweimal in der „neuen“ Gelsenkirchener Nordkurve, doch dieser ganze Arena-Scheiß war nicht mehr meins. Im Herbst 2002 war ich dann erstmals am Millertor bei einem grottigen 0:0 gegen Trier im Dauerregen auf der Nord. Das war mein Schlüsselerlebnis und schlussendlich der Hauptgrund für den Umzug in die Hansestadt bzw. auf St. Pauli. Davor sind wir einige Male die 4 Stunden zum Heimspiel hoch gefahren und danach direkt wieder 4 Stunden zurück nach NRW. Hätte es niemals für möglich gehalten dass ich mich noch einmal so verknalle.

Ori: Bei Fußball bin ich absolut raus! Als Kind wurde ich, ebenfalls von meinem Onkel, ab und an mit zu 96 genommen, was in einem leicht verstörendem Stadionbesuch zur „Faschingszeit“ endete auf den ich nicht weiter eingehen möchte. Bei genauerem drüber nachdenken könnte das auch der Grund dafür sein, dass ich nix mit Fußball anfangen kann. Wenn Sibbe und Stemmen auf Tour unbedingt irgendwo zum Fußball wollen komme ich dann höchstens zum Biertrinken mit.

Mario: Mir geht’s da ähnlich wie Ori. Selber habe ich bis zu meinem 14ten Lebensjahr aktiv Fußball gespielt und mein Papa hat mich als Kind auch mal zu dem ein oder anderen Spiel der Braun-Weißen geschleppt, was mich aber von meiner damaligen Liebe zum Rekordmeister nicht abbringen ließ. Heute interessiert mich Fußball überhaupt nicht mehr die Bohne, wobei ich mich dennoch freue, wenn der sympathischere Hamburger Club gewinnt und mir ins Fäustchen lache, wenn der unsympathischere Arroganzverein so auf der Kippe steht, wie in der letzten Saison.

Das ihr eine „Karli Version“ von „Genie und Wahnsinn“ zum Besten gegeben habt fand ich echt stark. Was verbindet ihr mit Babelsberg und der Nordkurve?

Sibbe: Es gibt Vereine, welche eine Fanszene hinter sich haben, die man einfach mögen muss. Dazu gehört natürlich erstmal eine vernünftige politische Einstellung. In Babelsberg ist alles ein bisschen familiärer als bei uns auf St. Pauli, wo schätzungsweise gut 25.000 Fans einfach austauschbar wären, durch 25.000 andere. Außerdem wird man immer auch ein wenig wehmütig wenn man so tolle, alte Stadien sieht wie das KarLi in Babelsberg. Sowas gibt´s leider in der 2. Bundesliga nicht mehr. Auch wenn ich mich auf der neuen Südtribüne am Millerntor von Anfang an sehr wohl gefühlt habe, ist es doch etwas Besonderes den Charme eines alten Fußballstadions erleben zu dürfen.

Stemmen: Den Songtext auf’s KarLi umzudichten lag ja quasi auf der Hand, weil Sibbe das Stück einst für seinen besten Kumpel Charly geschrieben hat. Und was die ProKarli-Ini damals erkämpft hat, das vergessen einige vielleicht auch schnell wieder. Wir dachten, dass das eine schöne Geste wäre, weil wir uns über eure Konzerteinladung echt sehr gefreut haben. Erstmalig mit Babelsbergern in Kontakt kam ich auf einem der ersten Antira-Turniere bei uns und die 03er waren mir schlicht und einfach auf Anhieb sympathisch. Und mit Nordkurven hab ich’s ja eh, ha ha. Bei uns im Stadion stehe ich jetzt allerdings auch im Herzen der Südkurve, immer neben Sibbe.

Ich muss zugeben, dass bevor ich aus Hamburg nach Berlin gezogen bin, ich den SV Babelsberg 03 gar nicht kannte. Wie hoch schätzt ihr das Interesse an / die Bekanntheit von Babelsberg auf St. Pauli ein?

Sibbe: Ich glaube das Interesse beschränkt sich auf die aktive Fanszene. Also auf genau die St. PaulianerInnen, die für mich eben NICHT austauschbar sind.

Stemmen: Das schätze ich leider genauso ein.

IMG_3239In euren Texten bezieht ihr klar Stellung. Die Verachtung von Patriotismus & Faschismus wird sehr explizit deutlich gemacht. Was motiviert euch beim Schreiben der Texte?

Sibbe: Dazu muss man eigentlich nur die Zeitung aufschlagen und gucken was um einen herum passiert. Statt einen Leserbrief in der MOPO zu veröffentlichen schreibe ich halt ein Lied drüber. Themen gibt´s ja leider genug: NSU, Erika Steinbach, Gentrifizierung, Homophobie, Antisemitismus, Faschismus, Sexismus, Flüchtlingspolitik, Fußball-WM oder Polizeigewalt, alles zum kotzen. Und das machen wir dann auch, kotzen.

Stemmen: Die 1-2 Texte, welche ich auf unseren Platten beisteuere, sind meist eher persönlich und meine Motivation ist eigentlich immer schlechte Laune, Kummer und Frust. Außerdem brauche ich wesentlich länger dafür, Sibbe kann das besser.

Ori: Da ich selber das Gefühl habe nicht all zu gut mit Worten umgehen zu können, lasse ich die Finger vom Texten. Weil wir uns aber größtenteils mit den gleichen Thema konfrontiert sehen und beschäftigen, habe ich seit den Anfängen der Band das Gefühl das Sibbe und Stemmen es schaffen, vor allem bei den politischen Themen, das auszudrücken was ich zwar genau so denke, aber eben nicht so gut ausdrücken kann. An dieser Stelle einmal Danke ihr zwei!

Mario: Ich versuche mich gelegentlich mal daran, kann aber diesen Balanceakt, zwischen auf den Punkt kommen, aber nicht zu platt klingen und die Message eher elegant zu transportieren, nicht so ganz halten. Deswegen bin ich genau so glücklich wie Ori, dass Sibbe und Stemmen da ein beeindruckend gutes Gespür für haben und Texte schreiben, hinter denen ich stehe und mich wohl fühle.

Beide Male, als ich euch hab live spielen sehen, trug jemand aus der Band ein Anti-Grauzonen T-Shirt. Wie wird das Problem bei St. Pauli und in der Punkszene behandelt? Was macht euch in dem Zusammenhang sorgen?

Sibbe: Das mit den Shirts ist nicht geplant, die liegen halt in unseren Kleiderschränken weil uns das Thema allen sehr wichtig ist. Es ist schon beunruhigend, wenn man sieht, dass es Bands gibt denen es scheißegal ist, ob sie nun mit den Krawallbrüdern oder mit politisch korrekten Bands zusammen spielen. Wichtig wäre es, nicht einfach zu sagen, dass Extremismus immer scheiße ist. Eine Band muss sich schon dazu verhalten, wenn sie sich die Bühne mit fragwürdigen Bands teilt. Ansonsten hat sie auch meiner Meinung nach keine Berechtigung, vor einem emanzipierten, linken Publikum zu spielen und kann sich gerne auf Gigs bei den Jungliberalen beschränken. Um das Thema Grauzone abzuarbeiten bräuchten wir aber ein bisschen mehr Platz als euer Interview bietet. Es sei nur gesagt, dass es DIE Punkszene in Hamburg so nicht gibt. Es sind eher verschiedene Szenen, die entweder völlig korrekt und konsequent sind und gesteigerten Wert auf gewisse Regeln legen, oder ihre Messlatte anders hängen und kein Problem mit „unpolitischen“ Bands haben. Das ist dann aber auch nicht unsere Szene. Dazu wird aber dann in Kürze auch noch ein neuer Song kommen.

Stemmen: Word!

Ori: Ein perfektes Beispiel für meine vorherige Antwort. So gut könnte ich es einfach nicht ausdrücken!

Mario: Was soll ich da noch hinzufügen?

IMG_3243Was sind eure liebsten Locations? Mit wem würdet ihr gerne nochmal die Bühne teilen?

Sibbe: Am aller liebsten sind mir kleine, selbst verwaltete Läden, in die meist sehr viel Herzblut fließt. In Hamburg das Störte, in Braunschweig das Nexus, aber auch kleinere Städte wie z.B. Glauchau haben mit dem Taktlos einen netten Laden. Manchmal ist man schon überrascht und es freut mich immer sehr zu sehen, dass es im trostlosesten Kaff immer noch Menschen gibt, die sich sehr viel Mühe geben Freiräume zu schaffen und diese dann auch zu verteidigen. Die Bühne teile ich mir grundsätzlich am liebsten mit Leuten die politisch ähnlich ticken wie ich selbst und mit denen man vor und nach dem Konzert seinen Spaß haben kann. Da sind schon so manche Freundschaften entstanden.

Ori: Lieblingsläden ist wirklich gar nicht so einfach. Neben den schon genannten fällt mir noch das JU.W.E.L in Gotha, das SubstAnZ in Osnabrück und der Raum2 in Neu Tramm ein. Freuen tue ich mich sehr darauf dieses Jahr das erste mal mit Gesammtscheiße:Scheiße zusammen zu spielen und natürlich immer auf gemeinsame Konzerte mit den anderen Riot-Bike-Records Bands IchSucht, Gloomster und natürlich ContraReal.

Mario: Den Kastanienkeller in Berlin fand ich auch sehr schön. Sehr beeindruckend war auch das ganze Areal des Elbraums in Dresden, welches leider räumungsbedroht ist, weil dort ein neuer Stadtteil entstehen soll. Ansonsten freue mich auch immer, wenn wir uns mit netten und korrekten Leuten die Bühne teilen dürfen.

Stemmen: Puh, eigentlich haben die anderen bereits alles aufgezählt. Aber ich würde nur zu gerne noch einmal mit Cocktailbar Stammheim zusammen auftreten und dann am allerliebsten endlich mal in der Friese in Bremen!

Zum Schluss noch eine blöde Frage, auf die du evtl. keine Antwort weißt: Warum tragen in der Hamburger Punkszene so viele Leute Trucker-Cappies? Sehe ich in Berlin / Potsdam viel seltener…

Sibbe: Weil Elbsegler einfach scheiße aussehen.

Ori: Das frage ich mich auch oft.

Stemmen: Na warum wohl?!

Mario: Ich sehe das eher als ein solidarisches Symbol an die Trockenfleisch fressenden Asphaltcowboys der ausbeuterischen Logistikbranche, die den tagtäglichen Straßenkampf zwischen Müdigkeit und Terminstress auf sich nehmen, um uns mit allen Konsumgütern zu versorgen, die uns satt und glücklich machen. Danke an all die Trucker da draußen!!!

Stemmen: So sieht’s nämlich aus! 🙂

Schön gesehen! Endlich ne gute und verständliche Antwort auf die Frage, die sicherlich nicht nur mich, lange gepeinigt hat. 😉 Danke dafür & irgendwie bin ich mir sicher, wir sehen uns wieder. Bis dahin alles Gute!

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